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Karl ist gleich um die Ecke

Noch verschlafen blättere ich am Samstagmorgen die Tageszeitung durch und lande nach endlosem Blättern und Headlines nur kurz mit den Augen fixierend beim Wochenend-Journal. Stimmt, wir haben Wochenende und dazu ein ganz langes denke ich noch im Standbymodus befindend.
Raketenstartgleich bin ich aber hellwach, als meine Augen an einem Foto hängen bleiben, das einen Mann mit Frack und Zylinder zeigt. Und worauf befindet er sich? Natürlich auf einer Draisine! Meine Augen heften sich an der Überschrift des fast ganzseitigen Artikels fest: Der Urknall der Mobilität. Schwups bin ich in dem Artikel über Karl Drais und seine Erfindung, der Draisine, versunken. Ein freudiges Glücksgefühl stellt sich ein, als ich nach dem Lesen des Artikels umblättere und ich einen ganzseitigen Bericht über eine Ausstellung „200 Jahre auf zwei Rädern – Faszination Fahrrad – Von der Draisine zum Ebike“ erblicke. Begeistert stelle ich fest, Karl ist gleich um die Ecke. Somit war ein Teil des Wochenendprogramms schon in Stein gemeißelt.
Die Ausstellung im Dreiländermuseum in Lörrach, so sollte sich zeigen, ist wirklich einen Besuch wert. Anhand von zahlreichen Exponaten und griffigen Infotafeln kann der Besucher das historische Rad zurückdrehen und den Weg von der hölzernen und eher schwerfällig daherkommenden Draisine bis hin zum Hightechgefährt heutiger Zeit beschreiten. Fasziniert bin ich besonders von den Hochrädern, die den Fahrer in schwindelerregende Höhen versetzte. Trotz hoher Unfallgefahr war das Gefährt bei Rennfahrern sehr beliebt, da es als schnelles Sportgerät galt.
Für wohlhabende Männer stellte es ein Statussymbol dar. Frauen nutzten im Übrigen spätestens seit der Michauline, dem 1861 entwickelten ersten brauchbaren Hochrad, ebenfalls die Zweiräder. Allerdings war ihre Kleidung dafür nicht sonderlich geeignet. Außerdem waren die Frauen angesichts des damaligen Geschlechterdenkens auch neben medizinischen Vorurteilen mit sittlichen konfrontiert. Als Hausfrau und Mutter wurde man auf einem Fahrrad schnell zum öffentlichen Ärgernis. Erst 1900 wurden Frauen auf Rädern geduldet, im Sportbereich dauerte das noch wesentlich länger. 

Aber auch die hölzerne Kinderlaufmaschine, auf der die Brüder Karl und Ernst Schulz (Gründer des Dreiländermuseums) das Radfahren erlernten, haben es mir angetan. Die Holzräder sehen aus wie zwei Spinnräder, die man kurzerhand ihrer ursprünglichen Funktion entledigt und ihnen einen Querbalken und eine Lenkstange aufgesetzt hat.

Dazwischen werde ich mit nostalgischen Gefühlen beim Anblick des ausgestellten knallgelben Bonaza-Rades aus den 70er Jahren gesegnet, ehe ich in der Welt von heute zwischen Miniaturfahrrädern aus Draht, Hightechmaschinen in Prototypversion und pragmatischen Lastenrädern und Tandems ankomme. In dieser fühle ich mich zuhause. Da gehöre ich hin!

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